Im Gespräch mit Christine Bleks / Aus Liebe zu Marxloh
Shownotes
Heute spricht Ralph mit Christine. Christine Bleks ist Gründerin und Vorständin des Vereins „Tausche Bildung für Wohnen“. Christine spricht über den schlechten Ruf von Duisburg, ihr verlorenes Herz in und für Marxloh und darüber, warum Bildung eine Frage von wertschätzenden Begegnungen und Orten ist.
Ein Gespräch darüber, warum nur Lernen kann, wer sich ernst genommen und geborgen fühlt, wie Bildungspaten und junge Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und einander bereichern, über einen 15-jährigen Afghanen, der Bundeskanzler werden will und die romantischste Straße Europas.
Christine spricht über den Umgang mit Komfortzonen und Unsicherheiten, darüber wie man Menschen motiviert statt standardisiert, warum Erziehung mehr braucht als ein Herz für Kinder, und sie den Schwelgernpark so mag.
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00:00:00: Das berücksichtigt unser Schulsystem nicht.
00:00:02: Die Menschen in Marxloh müssten ganz großen Vorsprungen bekommen.
00:00:06: Die Menschen in Marxloh und in den Stadtteilen, denen so ähnlich geht wie Marxloh, ist meine Meinung, die brauchen die besten Lehrer, die besten Ärzte, die beste Infrastruktur.
00:00:18: Heute spricht Reif mit Christine.
00:00:20: Christine Plex ist Gründerin und Vorständin des Vereins, tausche Bildung für Wohnen.
00:00:25: Christine spricht über den schlechten Ruf von Duisburg, ihr verlorenes Herz in und für Marxloh und darüber, warum Bildung eine Frage von wertschätzenden Begegnungen ordnet.
00:00:37: Ein Gespräch darüber, warum nur lernen kann, wer sich ernst genommen und geborgen fühlt, die Bildungsparten und junge Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und einander bereichern, über einen fünfzehnjährigen Afghanen der Bundeskanzler werden will und die romantischste Straße Europas.
00:00:55: Christine spricht über den Umgang mit Komfortzonen und Unsicherheiten, darüber wie man Menschen motiviert statt standardisiert, warum Erziehung mehr braucht als ein Herz für Kinder und sie den Schwellgernpark so mag.
00:01:10: Herzlich willkommen aus Duisburg, der Stadt der Transformation.
00:01:14: Herzlich willkommen zum Podcast aus der City mit Tiger.
00:01:18: und Turtle, der einzigen begehbaren Achterbahn-Skulptur der Welt, mit Zebras, die ihresgleichen suchen, mit Weltklasse, Stahl und Wasserstoff, mit Europas größten Binnenhafen, mit Uni und Start-up-Szene, mit Oper, Philharmonie und Kneibenquiz und vor allem mit Menschen, denen Duisburg viel bedeutet.
00:01:38: Und die sagen, Ärmel aufkrempeln, let's do it.
00:01:42: Ja, und was habe ich mit Duisburg zu tun?
00:01:44: Meine Eltern?
00:01:45: kamen aus Duisburg, haben hier geheiratet, Standesamt, Kirche, Ludgerikirche, am Ludgeriplatz.
00:01:52: Neun Monate später kam der kleine Ralf und jetzt ist er hier.
00:01:55: Mein Name ist Ralf Siener, passionierter Radioman und ich sitze im Podcaststudio der Duisburger Wirtschaftsförderung DBI, Duisburg Business and Innovation und vor allen Dingen sitzt mit mir hier eine Frau die uns mitnimmt in ihr Duisburg.
00:02:12: Und zwar Christine Blegs.
00:02:14: Herzlich willkommen, Christine.
00:02:16: Vielen Dank für die Einladung.
00:02:17: Duisburg war für dich verdammt wichtig und für das Projekt, das dir enorm wichtig ist.
00:02:24: Warum?
00:02:25: Ja, also erst mal meine Großeltern bzw.
00:02:28: meine Urgroßeltern stammen auch aus Duisburg, haben wir hier was gemeinsam.
00:02:34: Ja, Duisburg ist insofern für mich ganz besonders, fast eigentlich eine Schicksalsstadt, muss man sagen, weil ich hier einmal mein Herz verloren habe in Duisburg-Marxloh und quasi das Fundament meiner NGO, die ich vor einigen Jahren, also im Jahr zwölf, gegründet habe, zusammen mit einem Marxloh, die basiert in diesem Stadtteil eigentlich auf dem Fundament von Liebe.
00:03:01: Da geht's nicht.
00:03:02: Schöner geht's nicht.
00:03:03: Genau, deswegen Schicksal.
00:03:05: Wie sah das Projekt denn aus, zu dem euch eure Liebe geführt hat?
00:03:10: Ja, wie Duisburg-Marxloh aussieht und aussah, das wissen vor allem die Duisburger und Duisburgerinnen ja ganz gut.
00:03:17: Ist ja ein Stadtteil, der vor allem von seinem schlechten Ruf lebt leider.
00:03:22: Wir kommen bestimmt heute noch dazu, dass ich dem einiges entgegenstellen möchte.
00:03:28: Und genau dort haben Mustafa und ich, der eben aus diesem Stadtteil kommt, ganz, ganz viel Potenzial gesehen, so wie das so ist.
00:03:36: Wenn man vielleicht verliebt ist, sieht man alles durch die rosarote Brille und sieht überall Potenzial.
00:03:41: Und das haben wir auch gesehen und haben versucht, alle negativen Vorzeichen in dem Stadtteil ins Positive zu drehen.
00:03:48: Also ganz konkret heißt das, es gab wahnsinnig viel Leerstand, wenn ich mich richtig erinnere, war so ... im Jahre zwei tausend zehn ungefähr die leerstandsquote bei vierzehn bis sechzehn prozent geschäftsleerstand
00:04:04: und wohnungsleerstand
00:04:05: genau beides und das hat man ganz stark im Stadtteil gesehen.
00:04:10: dann ist es ein sehr kinderreicher Stadtteil sehr viele kinder im minderjährigen alter.
00:04:16: dann gibt es eben wahnsinnig viele Menschen die keine arbeit haben die von transferleistungsbezug leben und eben diesen schlechten ruf.
00:04:25: und Wir haben gedacht, das geht irgendwie besser.
00:04:29: Wir können das umdrehen und haben, wenn man so will, alles in einen Topf geworfen und ein Konzept geschrieben, dass sich tausche Bildung für Wohnen nennt.
00:04:39: Bildung für Wohnen.
00:04:41: Stichwort Leerstand.
00:04:43: Genau.
00:04:43: Unsere Idee war, dass wir dem Leerstandsmarkt Wohnung entziehen, sprich Wohnungen erwerben.
00:04:50: was wir auch getan haben dann mit unseren ersten Spendengeldern, die wir einsammeln konnten.
00:04:55: Wir haben diese Wohnung hergerichtet und WGs eingerichtet für junge Erwachsene, die wir eingeladen haben, in Marxloh zu leben.
00:05:04: Junger Erwachsener heißt zum Beispiel Studenten?
00:05:08: Genau, wir haben Studierende angesprochen, aber auch junge Leute, die einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren.
00:05:14: Also so etwas wie ein freiwilliges soziales Jahr.
00:05:17: Wir konnten dann nach Marxloch kommen, hatten praktisch eine klasse WG vor Free für umsonst.
00:05:23: Ganz genau.
00:05:23: Und gleichzeitig haben wir diese jungen Erwachsenen, die wir dann eingeladen haben, ausgebildet und zwar eine Bildungspartenschaft für Kinder aus dem Kiez zu übernehmen.
00:05:36: Wir haben also neben diesen WGs, die wir eingerichtet haben, noch eine sogenannte Tauschbar eingerichtet an der Paulskirche.
00:05:43: Da gab es einen Eine oder gibt es immer noch eine große Villa, eine alte, die der Kirche gehört.
00:05:49: Und dort haben wir ebenfalls einen Deal mit der Kirche quasi gemacht, dass sie uns die Mietfrei zur Verfügung stellt.
00:05:55: Wir haben die aufgewertet, wir haben sie renoviert und dort eben ein Begegnungsort, ein Lernort eingerichtet für Grundschulkinder.
00:06:05: die dann nach der Schule dort hinkommen können?
00:06:08: Wie seid ihr an die Kinder gekommen?
00:06:10: Gab's Lehrer, die dir euch empfohlen haben, gesagt haben, wir haben von eurer Idee gehört und nimm mal diesen Junge oder dieses Mädchen die Schwierigkeiten beim Lesen haben.
00:06:17: Genau.
00:06:18: Ja, so ähnlich haben wir das gemacht.
00:06:19: Wir haben mit allen umliegenden Schulen, sind wir in Kooperation gegangen, haben erzählt, was wir vorhaben und schickt uns die Kinder, wo ihr glaubt, dass die Unterstützung braucht.
00:06:30: Aber raus aus der Schule, also nicht einen Raum, eine Klassik hat frei, sondern eben dieser Schutzraum, wenn man so will.
00:06:38: Genau, dieser Schutzraum, der sehr, sehr schön und liebevoll eingerichtet ist, eigentlich eher wie ein schönes Zuhause, als jetzt, wie vielleicht man sich Nachhilfeschule oder irgendwie einen öffentlichen Ort vorstellt, sondern sehr, sehr schön eingerichtet.
00:06:55: Und dort kommen die Kinder nach der Schule hin und treffen dann dort eben auf ihre Bildungsparten und Bildungspartinnen und verteilen sich dann auf diese schön eingerichteten Räume und bekommen dort eben alles, was sie brauchen in sehr kleinen Teams.
00:07:12: Was meine ich damit?
00:07:13: Also von Hausaufgaben, Erledigung und Betreuung über Lernförderung, aber eben auch insbesondere einfach die emotionale Ansprache, dass ganze in Beziehung gehen mit den Kindern und vor allem in eine gleichwürdige Beziehung nicht von oben herab.
00:07:33: Die
00:07:34: Kinder müssen ja nicht zu uns kommen, sind aber eigentlich schon oft daran gewöhnt, dass verschiedene Ja, Hilfestellungen, staatliche Hilfestellungen in ihrer Familie irgendwie tätig sind, haben damit oft nicht so gute Erfahrungen gemacht, weil sie oft von oben herab behandelt werden.
00:07:56: Und das ist bei uns eben der wichtigste Grundbaustein, dass wir sagen, es geht um eine Gleichwürdigkeit.
00:08:03: Auf Augenhöhe.
00:08:03: Auf Augenhöhe zu sein und nicht in einer Bewertung und Verurteilung der Familie.
00:08:10: Und so gestalten wir mit den Kindern und den jungen Erwachsenen einen sehr beziehungsorientierten Alltag.
00:08:18: Das klingt nach Geborgenheit und Ernst nehmen.
00:08:21: Genau.
00:08:22: Eigentlich das Wichtigste, was Kinder brauchen oder Menschen überhaupt brauchen, als Grundlage, um überhaupt etwas zu lernen.
00:08:30: Und das ist das, was wir versuchen, herzustellen in diesen tauschbaren Marxloh.
00:08:36: Und jetzt noch eben an fünf anderen Orten in Deutschland.
00:08:39: Wir haben das hochskaliert.
00:08:41: Organistätives Gewachsen.
00:08:43: Ganz viel.
00:08:44: Ich habe das gehört auch von Freunden aus Essen.
00:08:45: Da seid ihr in Katernberg bis Hamburg.
00:08:48: Eine super tolle Idee.
00:08:50: Lass uns doch mal kurz in den Unterricht reingucken.
00:08:53: Da sind auf der einen Seite die jungen Leute, die habt ihr trainiert.
00:08:57: Das ist ja auch nicht so einfach mit Kindern umgehen, denen etwas zu vermitteln.
00:09:01: Das heißt, die haben selber eine Schulung erst mal durchlaufen?
00:09:04: Ja, also trainiert würde ich, würde ich, glaube ich, anders ausdrücken.
00:09:09: Bei uns ist es so, dass immer zum ersten August eine neue Generation, nennen wir das, an Bildungspaten und Partien startet.
00:09:17: Und wie gesagt, das ist meistens eine Mischung aus Bundesfreiwilligen und vielleicht Studierende und anderer Art von Ehrenamtliche.
00:09:25: Da starten wir mit einer Woche Theaterarbeit.
00:09:28: Das heißt, die jungen Erwachsenen werden so ein bisschen ins kalte Wasser geschmissen.
00:09:34: Da geht es ganz viel darum, aus der eigenen Komfortzone rauszukommen und sich ...
00:09:38: ... zu
00:09:40: präsentieren.
00:09:41: Aber erst mal geht es darum, mit sich selbst konfrontiert zu sein.
00:09:45: Und eben, wie ich gesagt habe, aus der eigenen Komfort- und Sicherheitszone rauszukommen, um in ein Erleben zu kommen.
00:09:53: was die Kinder jeden Tag haben.
00:09:55: Die müssen ständig, die sollen ja ständig irgendwas.
00:09:58: Die müssen umgehen mit irgendwas auf einer öffnen Bühne, wo sie beobachtet werden.
00:10:01: Genau.
00:10:02: Und die sollen irgendwas abliefern, leisten, was sie vielleicht gar nicht, wo sie innerlich vielleicht noch gar nicht bereit sind dazu.
00:10:08: Und so versuchen wir über so eine künstlerische Herangehensweise erst mal mit den jungen Erwachsenen zu arbeiten.
00:10:14: Und auch für die ist es eine ganz besondere Zeit, weil das sind junge Leute, die sind zum ersten Mal ausgezogen, jetzt von zu Hause verlassen.
00:10:22: Auch eine leeren Situation.
00:10:23: Absolut.
00:10:24: Und das ist das, was wir als besonders wertvoll empfinden, dass wir zwei ja vulnerable Gruppen eigentlich haben, an einem Lebenspunkt, wo sie unsicher sind und noch nicht fertig.
00:10:38: Und die bringen wir zusammen.
00:10:39: und so kann eine Atmosphäre entstehen, wo immer unklar bleibt, wer gibt hier eigentlich und wer nimmt.
00:10:47: Und das macht die Besonderheit.
00:10:50: aus, wo ganz schnell Vertrauen und Beziehung entsteht und das eben als Grundlage, als Haltung für überhaupt lernen können.
00:11:00: Wenn ich mich wohl fühle, wenn ich Vertrauen habe, kann ich was dazu lernen, wohingegen, wenn ich Angst habe, mich unsicher fühle.
00:11:06: Das kennen wir alle bis ins hohe Alter hinein.
00:11:09: Dann lerne ich nichts, damit beschäftigt, mich zu schützen.
00:11:14: Und ich glaube, dass viele Kinder eigentlich in dieser Wie kann ich mich hier gerade schützen?
00:11:18: Situationen in der Schule sind und ist dann schwerfällt zu lernen.
00:11:22: Und das versuchen wir wieder umzudrehen.
00:11:24: Jetzt lernt man zusammen ein Theaterstück.
00:11:27: Die die jungen Erwachsenen.
00:11:29: Und die Kinder auch?
00:11:30: Die Kinder nicht, sondern wir gehen erst so vor, dass wir mit den jungen Erwachsenen ins Theater spielen, damit die als Team zusammenwachsen.
00:11:41: Und damit sie sich erst mal ein bisschen schütteln, weil die kommen aus einer Lernsituation von der Schule, wo wir ihnen versuchen, ein bisschen beizubringen, auch Dinge zu verlernen.
00:11:54: Also
00:11:55: kein Frontalunterricht, sondern zu interagieren, miteinander spontan zu sein.
00:11:59: Ja, genau.
00:12:00: Nicht so sehr das Ausfüllen von irgendwelchen Zetteln und dass es nicht so sehr um Noten geht, sondern um Bildung.
00:12:06: Und Bildung bedeutet für uns nicht, ich kann irgendwie eine Kurvendiskussion machen.
00:12:13: Und in der zweiten Woche gehen wir mit den Bildungspaten und Partien.
00:12:16: in eine ganz starke Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Bildungsbiografie.
00:12:22: Was für ein Verhältnis das für Glaubenssätze habe ich zum Thema Bildung, zu lernen, zu Schule, nähern uns der Pädagogik und immer auf diesen Beziehungsorientierten.
00:12:34: Und dann geht es auch so in Richtung, was wir natürlich machen, ist das Thema Kinderschutz.
00:12:41: dann Datenschutzprojektmanagement, also alles so alltägliche Sachen, aber eben ganz stark geht es um diese pädagogische Beziehungshaltung der Gleichwürdigkeit.
00:12:51: und wie komme ich in und bleibe ich in Verbindung.
00:12:54: Was mache ich eigentlich, wenn ich herausgefordert werde mit Kindern oder auch mit WG Teilnehmenden, die eine ganz andere Vorstellung haben vom Leben als ich beispielsweise.
00:13:04: Also es ist ein richtiges Durchkneten und dann gehen.
00:13:09: dann enden meistens die Sommerferien für die Kinder und kommen dann zurück in die Tauschbar und treffen auf ihre neuen Bildungsparten und Partien.
00:13:17: Lern sich kennen und adoptieren die innerhalb meistens von drei Minuten.
00:13:22: Da entsteht ganz, ganz schnell.
00:13:24: Das ist wunderschön bei den Kindern, die zu uns zur Tauschbar kommen.
00:13:27: Die sind unglaublich offen und saugen alles auf.
00:13:33: Die nehmen jedes Beziehungsangebot an.
00:13:37: Ich sage gleich schnell, wer zu wem tendiert, wer parte für wem wird.
00:13:43: Ja, das ergibt sich quasi durch Sympathien und durch Bindung.
00:13:50: Aber wir haben auch einen ganz klaren Wochenplan.
00:13:54: Das heißt, wir schauen uns ja bei der Anmeldung die Kinder an, also erst mal, wie alt sind sie und welche Schwerpunkt an Unterstützung brauchen sie.
00:14:05: Bei den Allermeisten geht es insbesondere um das Thema Sprache, dass wir die Sprachfähigkeit verstärken, lesen, schreiben, aber natürlich auch Mathe und dann irgendwann kommt vielleicht noch Englisch dazu.
00:14:16: Wie macht man Lust auf Lese, wenn man jetzt Kinder hat, vielleicht von Eltern, die kaum Deutsch sprechen zu Hause und wo das schwierig ist?
00:14:26: Ich habe selber erlebt bei Kindern, die in der dritten Klasse sich noch extrem schwer tun, irgendwas zu lesen.
00:14:31: Wie macht man da Lust drauf?
00:14:33: Habt ihr dann einen Kniff irgendwie?
00:14:35: Sagt ihr, was ist eure Lieblingsmahlzeit?
00:14:37: Und beschreiben wir mal das Rezept auf und dass sie dann Lust am Lesen bekommen.
00:14:41: Wie läuft das?
00:14:44: Ich würde mir ehrlicherweise noch nicht so große Sorgen machen, wenn ein Kind in der dritten Klasse noch nicht super lesen kann.
00:14:49: Erst mal ein bisschen entspannt an das Thema rangehen quasi und sich nicht so sehr festhalten daran, was vielleicht die Kultusministerkonferenz mal festgelegt hat, weil das ist ja nicht vom Himmel gefallen.
00:15:01: Das haben Leute festgelegt, die glauben, dass das sein muss.
00:15:05: Aber
00:15:06: es kann auch anders laufen.
00:15:08: Mein Sohn hat auch sehr viel später richtig gut lesen gelernt und es ist auch kein Problem.
00:15:13: erst mal entspannt rangehen und nicht dem Kind sofort vermitteln, hier ist wieder ein Defizit, du musst jetzt mal richtig was machen, weil dann demotiviert man das Kind eigentlich eher.
00:15:22: Es geht dann viel mehr darum, vielleicht auch in Bewegung Buchstaben zu machen oder mal mit der Kreide auf dem Hof das ABC zu schreiben oder das in der Gruppe aufzustellen.
00:15:35: Es gibt viele sinnlich zu erfahren und das Wichtigste eben erst mal, vielleicht rauszuspüren, ohne zu sehr über die Kognition zu gehen.
00:15:45: Warum möchte das Kind denn das nicht?
00:15:47: Also hat es vielleicht schlechte Erfahrungen.
00:15:49: Ist es beschämt worden in der Schule, weil es aufstehen sollte und lesen sollte und hat sich vielleicht für noch nicht gutes Deutsch geschämt oder hat vielleicht irgendwie ein Sprachfehler oder ähnliches.
00:16:01: Es gibt immer Gründe, warum Menschen etwas nicht machen wollen, weil prinzipiell wollen Kinder kooperieren.
00:16:08: Wollte
00:16:09: da teilnehmen und Teil von etwas sein und das aber erst mal zu schaffen.
00:16:14: Und dann kriegen wir auch Rückmeldungen von den Eltern auch, aber von den Lehrkräften, die dann uns rückmelden.
00:16:20: Kind XY ist aufgestanden, hat sich getraut zu lesen oder was zu sagen.
00:16:25: Und das ist dann für uns natürlich ein ganz toller Erfolg.
00:16:29: Es ist ein Trick.
00:16:30: Irgendwider gibt es so was, was sich als erfolgreich erwiesen hat, dass man sagt, wir machen das Projekt, was was ich, wir mischen die Monate.
00:16:37: Und wir gucken mal, was braucht man dazu und müssen, dass wir ein Rezept lesen können, dass man sie darüber abholt und gar nicht über den Schulstoff und das, was irgendwie als Hausaufgabe da steht.
00:16:48: Ja,
00:16:49: genau.
00:16:49: Ich wäre auch eher beim Limonade mischen, genau.
00:16:52: Und das ist genau eigentlich ein gutes Beispiel für den Spagat, den wir versuchen hinzubekommen, der sehr schwierig ist.
00:17:01: Einmal ist es so, Hört man vielleicht schon ein bisschen an den Aussagen, die ich gemacht habe.
00:17:05: Ich bin nicht so ein großer Fan von dem, was heutzutage in der Schule passiert und was die Kinder da alles machen sollen, weil ich nicht glaube, dass sie das auf eine Zukunft vorbereitet, die wir älteren Erwachsenen... nicht mehr erleben werden.
00:17:18: Und wir haben so eine schnelle Transformation.
00:17:21: Schneller war es noch nie in der Vergangenheit.
00:17:24: Die Robotik und Koka geben.
00:17:27: Da muss Schule ganz anders aussehen.
00:17:29: Und ich finde gerade in den Stadthallen über ... Wie zum Beispiel Maxloh, über die wir sprechen, da liegt so viel Potenzial.
00:17:37: Also die meisten Kinder sind mindestens zweisprachig.
00:17:39: Warum wird das nicht anerkannt?
00:17:41: Das ist in anderen Schichten das Auswahl für Elite.
00:17:45: Die können Arabisch und die können vielleicht noch eine Berbersprache zum Beispiel.
00:17:48: Das
00:17:48: ist ja unglaublich und da ist ja schon ein Riesenpotenzial da.
00:17:52: Das ist nochmal ein anderes Thema.
00:17:55: Genau.
00:17:55: Und ich finde halt, wir sollten unseren Nachwuchs viel mehr Fähigkeiten beibringen.
00:18:01: Also Fähigkeiten zur Resilienz, zur Wandelbarkeit.
00:18:05: Und stark zu sein.
00:18:06: Und stark zu sein in dieser Welt, die uns alle, uns Erwachsene ja auch völlig fertig macht, bei dem was auf uns einprasselt so und warum.
00:18:13: Also dann frage ich mich, warum werden Zettel ausgeteilt, die man ausfüllen soll?
00:18:18: Also das sehe ich nicht.
00:18:20: was das groß bringen soll.
00:18:22: Und dann wäre ich eher beim Limonade mischen, weil das für Alltagsbezug hat.
00:18:26: Genau, ich gucke, wie viel Traubenzucker muss da rein?
00:18:28: Wie viel Zitronensäure dazu muss ich in der Rezept lesen können und dann bin ich eigentlich schon dabei.
00:18:33: Dann bin ich auch schon beim Thema Gesundheit.
00:18:35: Daran könnte ich schon aufziehen, wo kommt der Traubenzucker her?
00:18:39: Ist es überhaupt gut?
00:18:40: Was macht er eigentlich im Körper?
00:18:41: Wollen wir nicht vielleicht doch lieber Wasser trinken?
00:18:45: Dann kann man so viel entwickeln, was den Alltagsbezug der Kinder hat.
00:18:51: Wir haben das auch gemacht.
00:18:52: Wir haben einen Kochbuch ausgebracht mit den Kindern zusammen.
00:18:55: Wir haben erst mal in unserem Garten hinten, den wir haben Gemüse gesät.
00:18:59: Mit den Kindern haben wir das Gemüse aufgezogen.
00:19:01: Dann haben wir die Kinder als kleine Reporter und Reporterin in den Stadtteil geschickt.
00:19:06: Die haben Leute interviewt auf der Straße, haben Rezepte aus den verschiedenen Kulturen.
00:19:10: Gesammelt haben diese Rezepte mit unserem Gemüse aus dem Garten gekocht in einer Ferienbetreuung.
00:19:17: Und dann haben wir ein Kochbuch davon erstellt.
00:19:21: Das haben die Kinder geschrieben, gestaltet und das Ganze mit einer Künstlerin, die einen Artist in Residence-Projekt bei uns gemacht hat.
00:19:32: Und dann hatten die Kinder nachher dieses Kochbuch, was sie selbst gestaltet haben.
00:19:36: Also so auf allen Sinnen.
00:19:40: Ja, das erfahrbar zu machen und ich halte das für sehr viel spannender als...
00:19:45: Jedes Schulbuch.
00:19:46: Jedes Schulbuch,
00:19:46: genau.
00:19:47: Das Duisburger Kochbuch, hat das einen Namen?
00:19:50: Ja, das heißt Marxloh.
00:19:53: Lecker.
00:19:54: Ja, genau.
00:19:55: Klasse.
00:19:57: Ist ein kleiner Rinner geworden in dem Standteil?
00:19:59: Ja, wir haben das nicht verkauft, jetzt groß, das war natürlich selbst verlegt.
00:20:04: Und das dient eher, so erst mal.
00:20:06: natürlich haben die Kinder und ihre Familien das bekommen, aber dann auch unsere Förderer und Förderinnen quasi so als giveaway, als Geschenk zu zeigen, was wir machen.
00:20:15: Wir haben viele so Beispiel, wir haben Rapsongs geschrieben mit den Kindern, kann man sich bei YouTube anschauen, wo wir mit Sprache umgehen, wo die Kinder ihre eigene Geschichte schreiben, wo es um Kinderrecht, da werden wir uns mit Kinderrechten auseinandergesetzt.
00:20:28: Wir haben uns mit dem Thema Mädchen-Junge auseinandergesetzt.
00:20:32: Wir haben uns mit dem Stadtteil auseinandergesetzt und dann irgendwie einen jungen Rapper eingeladen.
00:20:37: Wir haben das vertont.
00:20:38: Das sind wunderbare Rapsongs geworden.
00:20:42: Wahnsinnig sinnlich.
00:20:43: Aktiv
00:20:44: in die Welt raus.
00:20:44: Also ein Stückchen auch, was Duisburg sein will, eine Transformationsstadt.
00:20:48: Nicht an dem alten Fest, so eine neue Wege.
00:20:51: Und so was kann ja was Vorbild sein.
00:20:52: Für viele andere steht auch gerade das Kochbuch.
00:20:56: Es gibt Leute, die sind ja ganz streng und die sagen zum Beispiel, wenn wir jetzt mal von Duisburg kurz in den Norden blicken nach Hamburg, die sagen, jedes Kind ab vierenhalb muss ein Sprachtest machen.
00:21:08: Und wenn das Kind da nicht fit ist, dann muss es in einer Art Vorschulklasse raus aus dem Kindergarten.
00:21:13: Wenn es in einem ist, muss da rein.
00:21:15: Was denkst du über solche Konzepte?
00:21:21: Ich finde das einerseits von der Idee her gut, weil die Sprache so wichtig ist, dass wir Sprache ist nun mal unsere Grundlage der Kommunikation und was wir lernen und teilhaben.
00:21:32: Also es finde ich extrem wichtig.
00:21:35: Ich weiß nicht, ob mir die Umsetzung so gefällt.
00:21:39: Ich bin einfach nicht so ein Freund von so standardisierten Tests, weil Menschen nicht standardisiert zur Welt kommen.
00:21:49: Ich unterscheide, ich bin da ziemlich haschpalterisch, muss ich ehrlich sagen.
00:21:52: Ich unterscheide auch bei den Begriffen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit.
00:22:00: Wir können vielleicht...
00:22:01: Du bist ein Fan der Gerechtigkeit.
00:22:03: Genau, ich bin Team Gerechtigkeit.
00:22:05: Das ist
00:22:05: mal hier mal eine Chance, hat grundsätzlich das Optimal aus sich rauszuholen.
00:22:09: Genau, weil wir beide sind jetzt, wie wir uns gegenüber sitzen, haben verschiedene Anlagen mitbekommen.
00:22:14: Und wenn ich nun mal mit einem zu kurzen Bein zur Welt gekommen bin und stehe mit dir jetzt an der Sprintlinie, haben wir zwar die gleichen Chancen, wir stehen da beide an der Sprintlinie, aber du wirst ganz sicher eher ankommen.
00:22:28: Das ist nicht gerecht.
00:22:29: Du müsstest mir eigentlich hundert Meter Vorsprung geben.
00:22:33: Damit ist eine ausgeglichenheit da, ist eine Gerechtigkeit.
00:22:37: Und dann können wir rennen, weil ich eben dieses kürzere Bein habe.
00:22:41: Und das berücksichtigt unser Schulsystem nicht.
00:22:45: Die Menschen in Marxloh müssten ganz großen Vorsprung bekommen.
00:22:48: Die Menschen in Marxloh und in den Stadtheilen, denen so ähnlich geht wie Marxloh, ist meine Meinung, die brauchen die besten Lehrer, die besten Ärzte, die beste Infrastruktur.
00:22:59: Weil im Süden kann ich mir das alles kaufen.
00:23:04: Wenn ich ein Haushalt mit zwei Familien, mit zwei Einkommen habe, ich weiß, dass es schwer ist, heutzutage Wohnraum zu bezahlen,
00:23:13: etc.,
00:23:13: aber es gibt ja ein sehr, sehr großes Gefälle zwischen, insbesondere im Ruhrgebiet, den Nordstadtheilen und den Südstadtheilen.
00:23:22: Und deswegen glaube ich, dort, wo die Not quasi am größten ist, muss eigentlich die meiste Ressource hin.
00:23:28: Ist das denn faktisch so, dass immer mal Kindergärten dann in diesen benachteiligten Stadtteilen die besten ...
00:23:36: Nein.
00:23:38: Ist es nicht.
00:23:39: Was machen Kinder dann da?
00:23:42: Die werden eigentlich nicht so gefördert, wie sie es werden müssten.
00:23:48: Nein, die sind ja eigentlich Symptom-Träger unserer kaputten Gesellschaft.
00:23:57: Oder man kann auch ... ein bisschen in die Meta-Ebene gehen und sagen, dieser verschobenen Politik von Neoliberalismus und Kapitalismus.
00:24:07: Also hast du Geld, kannst dir alles kaufen, hast du kein Geld, kannst dir eben nichts kaufen.
00:24:14: Und wir wissen ja nun mal, dass Deutschland eines der Bildungs ungerechtesten Länder überhaupt sind.
00:24:20: Wir haben keine Durchlässigkeit.
00:24:25: im Bildungssystem oder im Auf noch nicht mal nur im Bildungssystem, sondern keine Aufstiegsmöglichkeit.
00:24:33: Die Herkunft entscheidet.
00:24:35: Genau.
00:24:35: Wenn wir so ein Duisburger Bildungsmanifest schreiben würden, was würden wir denn da reinschreiben mit Blick auf Kindergärten?
00:24:41: Da reicht es nicht Erzieher und Erzieherinnen zu haben, sondern da wäre Sprachförderung auch ganz wichtig.
00:24:47: Ich würde noch einen Schritt davor gehen.
00:24:49: Also vielleicht schauen wir uns mal an, wer wird Erzieher und Erzieherin?
00:24:55: Und wie ist die Ausbildung dieser Menschen und wie ist nachher auch die Bezahlung?
00:24:59: Wie attraktiv ist eigentlich dieser Beruf?
00:25:02: Meine Mutter ist jetzt hierhin da.
00:25:03: Es ist mir sehr nahe.
00:25:05: Es sind fast immer Frauen?
00:25:06: Es sind fast immer Frauen und es sind, muss ich leider auch so sagen, oft junge Frauen, die den wahnsinnig großes Herz für Kinder haben, aber auch oft nicht so richtig sonst so wissen.
00:25:18: Ja, ich kann irgendwie gut mit Kindern und das ist dann das Auswahlkriterium.
00:25:24: Das ist die Grundvoraussetzung natürlich, dass ich Kinder liebe, aber das reicht oft nicht.
00:25:29: Du musst wahnsinnig viel drauf haben, wie ihr ja auch eure Lehrer befähigt, indem ihr sie erst mal die Arte spielen lässt und sich selber finden lässt.
00:25:35: Genau.
00:25:36: Und ich finde eben dieser Beruf sollte mindestens dreimal, viermal so viel verdienen und eine gesellschaftliche Anerkennung haben, die dieser Beruf einfach nicht hat.
00:25:48: Diese Personen bilden ja die Grundlage.
00:25:52: unserer Gesellschaft aus und der Zukunft.
00:25:54: Und wie soll denn das bitte gehen?
00:25:57: Wenn schon die Ausbildung, also es ist nur ein Anführungsstrichen, ein Ausbildungsbüro, das ist gar kein Akademischer, also kein Studium.
00:26:05: Warum gibt es nicht beides eigentlich?
00:26:09: Warum werden sie so schlecht, warum verdienen sie so schlecht, warum ist es nur attraktiv, insbesondere für Frauen?
00:26:15: und warum?
00:26:18: Das Gleiche zieht sich durch für die Grundschule.
00:26:19: Wir wissen alle, dass es viel wichtiger ist, dass eine Grundschule viel besser ausgestattet ist als ein Gymnasium, weil in der Grundschule wird die Grundlage.
00:26:30: Wir wissen auch, die Kinder sollen nicht so früh in die Schule.
00:26:33: Es ist viel zu früh, wie die Schule anfängt.
00:26:35: Das Gehirn macht das gar nicht mit.
00:26:37: Wir wissen auch, dass es besser ist, wenn sie mindestens sechs Jahre lang geht, so wie das in Berlin beispielsweise ist.
00:26:43: Das wissen wir alles.
00:26:45: Wir machen aber einfach so weiter wie bisher.
00:26:47: Viele sagen, ja auch Kinder, die lernen doch Sprache so.
00:26:50: Die steckst du irgendwo hin, dann können die das schon.
00:26:54: Das ist nicht ganz so einfach, glaube ich.
00:26:56: Gerade wenn sie nicht sich im Umfeld bewegen, dass mit Sprache gut umgeht, wo sie von lernen können.
00:27:01: Ja, also ich glaube schon Kinder lernen Sprache super schnell, aber wenn wir verlangen, dass ein Kind in Marxloh Deutsch im Kindergarten lernt, dann wäre es schon auch gut, wenn wir da Kinder haben, die Deutsch sprechen, aber diejenigen... Kinder, die von deutschen Haushalten kommen, möchten ja auch gar nicht mehr so gerne da ihre Kinder in den Kindergarten schicken.
00:27:21: Das heißt, es ist so ein Henne-Ei-Prinzip, was sich ja seit den neunziger Jahren in Marxlosow entwickelt hat.
00:27:29: Es gibt keine Vorbilder, wo man von lernen könnte.
00:27:31: Was ist eigentlich ein Nebensatz?
00:27:32: oder vom Konjunktiv gar nicht zu reden?
00:27:35: Es gibt
00:27:35: keine Kinder, die Deutsch sprechen, kann man platt sagen, dann im Kindergarten.
00:27:38: Wenn meine Kindergärtnerin der deutschen Sprache vielleicht auch gar nicht mächtig sind.
00:27:46: Meine Mitschülerinnen, also meine Kinder, die im Kindergarten sind und so war es eben zum Teil in den neunzigern und nuller Jahren.
00:27:56: Wo sollen die Kinder denn dann deutsch richtig lernen und dann auch nach dem Kindergarten?
00:28:01: Also es ist auch so, wenn dann Eltern zum Deutschkurs geschickt werden, Integrationskurs.
00:28:09: Und dann sollen sie Deutsch lernen und dann hängt daran irgendwie eine Sozialförderung, also Transferleistung.
00:28:15: Und dann fahren sie zurück nach Maxwell in den Stadtteil.
00:28:18: Und da gibt es aber überhaupt keine Menschen, mit denen sie Deutsch sprechen können.
00:28:21: Und dann wird ihnen Leistung gekürzt, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen.
00:28:25: Das ist so perfide.
00:28:27: Und das bis heute bis jetzt gerade ja aktuell in der Politik auf den Menschen die Transferleistung beziehen und die sowieso schon Arm dran sind.
00:28:37: rumgehackt wird und über Sanktionen gesprochen wird und Kürzung von Leistung, das finde ich das ekelhafteste, was es überhaupt gibt, anstatt viel mehr darüber zu sprechen, wo eigentlich das ganze Vermögen in Deutschland ist und ich rede von Reichensteuer und so weiter und Erbschaftssteuer etc.
00:28:55: Das ist viel größere Problem.
00:28:57: Erstine, wenn du die Situation nicht so beschreibst und siehst euren Verein, tausche Bildung für Wohnen, Seid ihr dann so ein bisschen die Flickschuster des Systems?
00:29:06: Seid ihr die Ausputzer?
00:29:08: Wie wird es zu euch beschreiben?
00:29:11: Das ist eine sehr schöne Frage und gleichzeitig auch eine schmerzhafte Frage, weil wenn ich ganz ehrlich bin, also wenn ich nur theoretisch auf uns schaue mit einer Theorie will, dann müsste ich sofort zumachen.
00:29:27: Und zwar deswegen, weil ich das dieses kranke System ja stütze.
00:29:32: Also ich bin ein Pflaster.
00:29:35: Wir in unserem Land haben ja irgendwie so eine Tendenz.
00:29:39: Wir haben ein Regelsystem und das funktioniert nicht und dann bauen wir daneben noch ein zweites System.
00:29:44: Da wird dann unendlich viel Geld reingeschustert.
00:29:47: Also nicht, dass wir jetzt viel Geld hätten, aber in so Parallelsysteme.
00:29:51: Das haben wir im Krankenhaus so.
00:29:53: Es gibt dann Leihärzte
00:29:54: etc.,
00:29:55: die das dreifache, vierfache verdienen von angestellten Ärzten.
00:30:00: So haben wir es auch.
00:30:00: Wir haben ein Bildungssystem, das nicht funktioniert und daneben etabliert sich ein Auffangsystem.
00:30:06: Wir haben ein Sozialsystem und daneben gibt es wieder Auffangsysteme für die Löcher des Sozialsystems.
00:30:11: Das ist doch völlig absurd eigentlich.
00:30:13: Trotzdem wird zu sagen, dass was du machst, ist extrem sinnvoll.
00:30:17: Das Pflaster ist keine systemische Heilung, aber es ist trotzdem verdammt wichtig.
00:30:23: Genau, deswegen habe ich gesagt, nur theoretisch müsste ich mich, müsste ich, müsste ich zumachen und auch in der Theorie meine große Vision, damit sind wir damals angetreten, haben immer gesagt, wir sind dann erfolgreich, wenn wir uns wieder abschaffen können, also wenn wir das Problem behoben haben.
00:30:38: Das ist natürlich eine Utopie.
00:30:41: Leider.
00:30:43: Genau, und natürlich, wir, seit der Gründung oder seit der Eröffnung von Tauschenbildung für Wohnen in Marxloh, haben wir fast vierenhalbtausend Kinder.
00:30:52: durch unsere Hände gehen lassen.
00:30:54: Hab's da Erfolgserlebnisse, wo du sagst, das ist ein Kind, das werden wir immer in der Nahrung bleiben.
00:30:59: Das kam ganz verschüchtert.
00:31:01: Ja.
00:31:02: Und das ganz anders gegangen?
00:31:03: Ja.
00:31:03: Habe ich eine ganz, ganz schöne Geschichte von einem Jungen, der aus Afghanistan gekommen ist mit seiner Familie.
00:31:12: Und der war fünfzehn, als er zu uns kam und sprach natürlich kein Deutsch
00:31:16: etc.,
00:31:16: war wahnsinnig gerne zur Schule gegangen.
00:31:19: Wir haben ihn dann begleitet auf seiner Schullaufbahn und er hat bei einem Sommerfest bei uns im Garten einen Landtagsabgeordneten kennengelernt für Duisburg, der uns so ideell unterstützt hat und zupfte den am Ärmel und hat dann so mit seinen ersten Brocken Deutsch gesagt, er will mal Bundeskanzler werden.
00:31:41: Und der ist übrigens auch Teil, diese Geschichte gibt es eben auch.
00:31:47: in dem Kochbuch steht die drin.
00:31:51: Der hat sich dann bis zum Abitur gekämpft und so weiter und wir haben den stark gefördert.
00:31:56: Dieser Landtagsabgeordnete hat ihn als Praktikant aufgenommen und dann hat dieser Junge zweimal ein Praktikum im Landtag in Düsseldorf gemacht und studiert jetzt Wirtschaftswissenschaften an der Uni Duisburg Essen.
00:32:12: Das finde ich eine ganz fantastische Geschichte.
00:32:17: Seine Schwester ist in der Ausbildung zur MTA.
00:32:23: Genau, und die kleinen Geschwister kommen alle nach.
00:32:26: Das macht Mut.
00:32:27: Ja.
00:32:28: Und das ist so wichtig, dass es solche Erfolgsgeschichten gibt, weil sie zeigen, dass trotz des Krankensystems in Einzelfällen viel möglich ist, wenn man sich so engagiert wie ihr.
00:32:36: Christine, sag noch mal einen Satz zu dir persönlich.
00:32:40: Wie sieht deine Bildungsgeschichte aus?
00:32:41: oder wie sah sie aus, dass du so sensibel dafür bist, wie wichtig genau dieser Faktor im Leben sein kann.
00:32:50: Genau, also ich bin eigentlich sehr privilegiert groß geworden, was mir dann immer bewusster wurde, als ich dann mich in Marxloh verliebt habe, muss ich sagen.
00:33:00: Ich war privilegiert bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich, als ich gerade achtzehn war, meinen Sohn zur Welt gebracht habe, also noch in der Schulzeit am Ende der elften Klasse.
00:33:11: Wow.
00:33:13: war ich dann plötzlich mit der Situation konfrontiert, allein jetzt hin zu sein.
00:33:17: Aber wir machen es zu müssen mit Kleinstkind.
00:33:20: und das hast du geschafft.
00:33:22: Genau und ich habe eben für mich und meinen Sohn allein gesorgt, bin zur Schule gegangen, hab gearbeitet, hab dann Philosophie studiert.
00:33:32: an der Uni Wittenherdicke und habe mich so hochgeboxt und war selber im Hartz IV Bezug, als ich Tauschbildung für Wohnen mit meinem damaligen Freund eben aus Marxloh gegründet habe und habe mich rausgekämpft quasi aus dieser Situation.
00:33:51: Alleinerziehende ist ein zweites großes Thema.
00:33:54: Mein zweites großes Lebensthema haben einfach eine viermal so hohe Armutswahrscheinlichkeit wie der Rest der Bevölkerung.
00:34:03: Wir stehen ganz am Ende der Nahrungskette und mit viel Stigmatisierung auch zu kämpfen gehabt.
00:34:11: Das ist das härteste überhaupt.
00:34:12: Und allein, wie ich mir die Situation vorstelle, mit einem Kleinstkind, mit einem Baby, wo das ja rund um die Uhr betreut werden muss und dann noch den Schulstoff zu packen.
00:34:22: Wie hast du das gemacht?
00:34:23: Das wird irgendwie eine ... Ja, Tagesmutter ging ja nicht.
00:34:26: Wenn du sagst, Satz vier, das konntest du ja gar nicht leisten.
00:34:29: Genau, also das Schräge war, als ich Abitur gemacht habe.
00:34:33: Es ist so ein bisschen krummer Bildungsweg, dann ich bin eben nach der elften Klasse, dann erstmal war ich ein Jahr zu Hause, bin dann nochmal in so ein Crashkursabend, nach einem Jahr in so eine Abendschule gegangen, um einen Abschluss nachzuholen und habe dann die zwölfte Klasse übersprungen und bin dann direkt ins Abi gehüpft quasi.
00:34:53: Ich habe nicht so viel geschlafen, würde ich sagen, in dieser Zeit.
00:34:57: Ich war auch dann Ja, ich hatte ja meinen eigenen Haushalt auch dann zu erledigen.
00:35:03: Und ich hatte tatsächlich meinen Sohn bei einer Tagesmutter während der Stunden, in der ich in der Schule saß.
00:35:10: Das war ja Präsenz natürlich.
00:35:12: Und da war er bei einer Tagesmutter.
00:35:14: Und dann habe ich dann nach der Schule abgeholt und ja, die paar Stunden Alltag noch gehabt und die Wochenenden und ich habe halt nachts gelernt.
00:35:22: Wahnsinn.
00:35:24: Wir haben eine kleine Rubrik in diesem Podcast.
00:35:26: Mein Duisburg.
00:35:28: Und ich würde dir gerne so ein paar Fragen zu der Stadt stellen, die ja für dich und für dein Projekt doch sehr wichtig ist.
00:35:37: Vielleicht erst mal, Duisburg ist ja so die Stadt der Pioniere.
00:35:41: Gibt es irgendein Geniestreich, irgendein Start-up, was dich besonders beeindruckt hat?
00:35:47: Ja, nicht irgendein, sondern eigentlich die Wandlungsfähigkeit von Marxloh.
00:35:53: Das ist für mich ein Geniestreich.
00:35:56: Wenn man sich die Transformation überlegt, die dort stattgefunden hat, da gab es früher Pelzläden, da ist Adenauer lang gefahren, da gab es irgendwie sechs Kinos.
00:36:04: Das war The Place To Be, ähnlich wie die Köhe früher.
00:36:09: Und nach der Stahlkrise ist das alles zusammengebrochen.
00:36:13: Ich verkürze jetzt die Historien ein bisschen.
00:36:16: Ja, und dann ist Max Low eben zu dem geworden, was es war und ist.
00:36:20: Und ich finde es wahnsinnig toll, dass die Nachkommen der Gastarbeitenden aus den verschiedenen Ländern sich immer wieder an ihren eigenen Schopfe aus der Misere gerettet haben.
00:36:32: Und das finde ich richtig beeindruckend.
00:36:35: Ich habe vor kurzem Buch gesehen, ich glaube, das ist die Max Low Power.
00:36:38: Wo eine Frau, die den Städter kennt, die ganzen Lebenssäufe beschrieben hat, was da auch an Kraft hintersteckt.
00:36:44: Weil Magsruhe oft instrumentalisiert wird als Illustrierung nur von Problemen.
00:36:49: Und das bildet ja nicht die ganze Wirklichkeit ab.
00:36:54: Gibt es ein Lieblingsort hier irgendwo in der Stadt für dich?
00:36:58: Ja, würde ich auch sagen in Magsruhe.
00:37:00: Ich bin da einfach gerne, wobei ich auch nicht mehr so viel da bin wie zu Beginn.
00:37:05: Ich mag den Schwellgernpark unglaublich gerne.
00:37:09: Der hat irgendwie was Romantisches für mich noch.
00:37:13: Das bringt uns an die Ursprungsgeschichte zurück.
00:37:16: Dann übrigt sich fast die nächste Frage.
00:37:18: Duisburg mit anderen Augen sehen.
00:37:21: Wo gelingt dir das am besten?
00:37:22: Ja klar, würde ich natürlich wieder Marxloh sagen.
00:37:24: Also kleine Anekdote.
00:37:27: Bevor wir Tauschebildung für Wohnen gegründet haben, gab es diese große Initiative von Marxlohern Made in Marxloh.
00:37:34: Vielleicht verinnert sich der ein oder die andere noch daran.
00:37:38: Zur Kulturabstattzeit sind wir mit hundert Breuten auf die A-Fürzig gegangen.
00:37:42: Und diese Breute quasi, war natürlich keine echten Breute, sondern das waren ausgeliehende Brautkleider von der Brautmodenmeile.
00:37:50: Also es gibt da ja so wahnsinnig viele Geschäfte zum Thema.
00:37:55: Die
00:37:55: Fenloer Straße und die Kaiserstraße.
00:38:00: Vor jedem Geschäft hatten wir ein Kleid, haben hundert Frauen zusammengetrommelt und sind dann mit diesen Braulkleidern auf die Straße gegangen.
00:38:07: Und jetzt kann man natürlich sagen, so die einen sagen, ist die Geldwäscherstraße, weil wer braucht denn so viel zum Thema Heiraten?
00:38:14: Und dann kann man sagen, ist die romantischste Straße Europas.
00:38:18: Also wieder die Vorzeichen umdrehen und die Sachen anders frame.
00:38:22: Hm, Duisburg mit anderen Augen sehen.
00:38:26: Was wird in Duisburg total unterschätzt?
00:38:33: Ich kann leider immer wieder nur sagen, Maxlo, genau darüber, worüber wir sprechen.
00:38:39: Wenn wir uns jetzt hinsetzen würden, eine Liste machen würden mit all den negativen Dingen, die man über Maxlo sagen kann, muss dem ein positives Gegenüberstehen.
00:38:47: Das geht gar nicht anders.
00:38:48: Und es kommt immer darauf an, gucke ich einen Menschen und einen Stadtteil mit defizitärer Brille an oder was ist hier für ein Potenzial, aber das ist eine Haltung.
00:38:58: Ja.
00:39:00: Das finde ich toll bei dir, dieses positiv zugewandte.
00:39:04: Ich glaube, das ist ganz entscheidend.
00:39:05: Das ist ganz entscheidend auch für die Weiterentwicklung einer Stadt.
00:39:10: Was würde Duisburg gut tun?
00:39:12: Gibt es auch etwas für, sagen wir, das in die Richtung sollten wir gehen?
00:39:15: Ja, also erstmal muss die AfD weg.
00:39:18: Das würde jeder Stadt, glaube ich, gut tun.
00:39:22: Eine etwas besser funktionierende Stadtverwaltung würde Duisburg auch sehr gut tun.
00:39:31: Ja, und Geld würde Duisburg auch gut tun, aber Geld hilft immer nur dann, wenn es auch Menschen gibt, die gute Ideen haben und gut in der Umsetzung sind, sonst hilft Geld nicht.
00:39:42: Dein Duisburg der Zukunft, wie sieht das aus?
00:39:45: Total digital?
00:39:46: Nee,
00:39:47: auch digital.
00:39:49: Okay.
00:39:50: Ich möchte ja auch nicht in der digitalen Welt leben.
00:39:52: Kann ich gut verstehen.
00:39:53: Ich möchte allein Ort leben.
00:39:54: Also ... Ich habe eine Zeit in Potsdam gelebt und in Berlin gearbeitet und ich liebe das sehr da, aber ich mag hier die Menschen doch schon irgendwie am liebsten, dass man sofort beim Du ist und so.
00:40:08: Ich liebe diese, wenn man hier hin fährt und die Menschen anguckt.
00:40:12: Wir sind super international.
00:40:14: Das ist was, was ich ganz, ganz toll finde.
00:40:18: Ich finde, nicht nur Duisburg, sondern das Ruhrgebiet darf ein bisschen selbstbewusster sein und sich nicht.
00:40:25: so hab ich selber auch manchmal das Gefühl so, wir sind nicht so cool wie Berlin oder
00:40:31: Hamburg oder so.
00:40:32: So aschenpudelig irgendwie.
00:40:33: So ein
00:40:33: bisschen, genau.
00:40:36: Persönliche Schlussfrage, was tust du, obwohl es unvernünftig ist?
00:40:42: Oh, bestimmte ganze Menge.
00:40:45: Das finde ich sympathisch.
00:40:47: Also, genau, so wie jeder Mensch, mach ich ganz viel, was im Klima schadet, obwohl ich es eigentlich nicht machen möchte.
00:40:54: Ich fliege auch noch in den Urlaub.
00:40:56: Du bist auch in meiner Hawaii geflogen.
00:40:58: Ja, öfter.
00:41:00: Warum, als du ganz jung warst?
00:41:05: Ich hatte mir in der siebten Klasse eigentlich in den Kopf gesetzt, an so weit weg von zu Hause zu kommen, wie es geht.
00:41:11: Und weiter als Hawaii gibt es nicht von uns aus.
00:41:15: Und hab dann dort einen Schüler-Austausch gemacht, den ich mir auch selbst organisiert habe.
00:41:19: Und bin dann dort, hab meine zehnte Klasse da gemacht.
00:41:22: Und das hat mich extrem geprägt.
00:41:24: Hawaii ist ein absoluter Schmelztiegel von Kulturen.
00:41:29: Bist du in Maxlo auf Hawaii sozusagen?
00:41:31: Genau und wenn wir Hawaii hören, denken wir irgendwie an viel Reichtum und chilliges Leben, ist es nicht.
00:41:39: Es ist nur für einen kleinen Prozentsatz.
00:41:42: Ich habe in einer hawaianisch-chinesischen Familie gelebt, also die Mutter kam aus China und war geflohen und der Vater eben hawaiana und die haben ein sehr tragische Geschichte eigentlich hinter sich ähnlich wie die Native Americans auf dem Festland.
00:42:01: Ja und das hat mich sehr geprägt diese Zeit und ich bin immer wieder hingeflogen und habe viele Monate da verbracht.
00:42:08: Es gibt noch einen Menschen, den das sehr geprägt hat, das Hawaii.
00:42:12: Das ist Barack Obama.
00:42:13: Ja, stimmt.
00:42:14: Der ist da geboren worden.
00:42:16: Und ich hab dir seine Geburtsurkunde mitgebracht, weil ich eine Zeitung in Amerika war und dir das sehr stolz abgedruckt mit dem Hospital auf OAU, wo er zur Welt gekommen ist.
00:42:27: Genau, der Schmelz-Stegel-Effekt hat ihn ja auch ausgezeichnet.
00:42:30: Ja,
00:42:30: ich stand schon vor seinem Haus.
00:42:32: Also, ich weiß, wo sein Haus ist.
00:42:34: Klasse.
00:42:35: Christine Blitz, Gründerin und Vorständin des Vereins Tausche, Bildung für Wohnen.
00:42:40: Duisburg-Kännerin mit einem sehr, sehr positiven Spirit, muss ich sagen, im sehr Menschen zugewandten und fest davon überzeugt, dass Menschen vor allen Dingen Kinder immer lernen können und lernen wollen.
00:42:53: Danke für den Besuch im Podcaststudio der Duisburger Wirtschaftsförderung DBI.
00:42:58: Danke, Christine.
00:42:59: Ja, danke für die Einladung.
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